Deutschland hat im vergangenen Jahr so viel Strom exportiert wie nie zuvor in seiner Geschichte. Nach weitgehend übereinstimmenden Zahlen der AG Energiebilanzen und des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme war der Saldo von Stromimporten und Stromexporten im Jahr 2012 bei ca. 23 TWh (Terawattstunden) und damit noch über dem bisherigen Rekord von 2008. Der
Stromexport hat sich damit im Vergleich zum Vorjahr 2011 fast vervierfacht.
Diese Zahlen zeigen deutlich, mit welch unverantwortlichen Lügen noch vor wenigen Jahren die Laufzeitverlängerung durchgepaukt wurde und dass die Stilllegung von acht Atomkraftwerken in 2011 die Stromversorgung in Deutschland nicht im Geringsten gefährden. Im Gegenteil: Wir haben ausreichende Stromerzeugungskapazitäten.
Tatsächlich wurde im vergangenen Jahr die Stromproduktion um etwa 1,3 % gesteigert, obwohl parallel dazu der Stromverbrauch um 1,3 % gesunken ist. So konnten 23 TWh ins Ausland verkauft werden. Das ist die Strommenge, die zwei
Atomkraftwerke in einem Jahr produzieren.
Erfreulich ist auch, dass der Stromimport aus Tschechien im Jahr 2012 wohl auf dem niedrigsten Niveau seit der Jahrtausendwende ist. Es stimmt also auch nicht, dass durch die Abschaltung von Isar 1 im Jahre 2011 nun der Temelin-Strom verstärkt nach Bayern geliefert würde.
Leider gibt es keine aktuellen Zahlen über die Stromexportsituation in Bayern. Die jüngsten Zahlen des Wirtschaftsministeriums beziehen sich auf das Jahr 2009. Da aber Bayern seit 10 Jahren durchgängig Netto-Stromexporteur war und sich in den letzten Jahren der Ausbau der Erneuerbaren Energien insbesondere im PV-Bereich deutlich verstärkt hat, ist davon auszugeben, dass ein beträchtlicher Anteil des Stromexports auch aus Bayern erfolgt.
Ebenso erfreulich ist es, dass selbst in den so oft zitierten sehr kalten Februarwochen des letzten Jahres an 28 von 29 Tagen mehr Strom exportiert als importiert wurde. Gerne wird in der öffentlichen Debatte darauf hingewiesen, dass zur Erhaltung der Netzstabilität ein österreichisches Kraftwerk in Betrieb genommen wurde. Dass an 28 anderen Tagen im Februar 2012 unsere Nachbarländer Strom aus Deutschland im Saldo importiert haben, wird gerne verschwiegen.
Wir haben aber nicht nur genügend Stromerzeugungskapazitäten, sondern sie sind auch noch so kostengünstig, dass sie konkurrenzfähig auf dem europäischen Markt auftreten können. Dies führt dazu, dass die alten deutschen Atom- und Braunkohlekraftwerke Strom in die Nachbarländer liefern und dort (- wie auch bei uns -) bestehende Gaskraftwerke in die roten Zahlen treiben. Das führt beispielsweise in den Niederlanden dazu, dass dortige Gaskraftwerke massiv runtergefahren werden, aber auch bei uns geraten Gaskraftwerke zunehmend in rote Zahlen.
Das ist die negative Seite des Stromexportrekords und alles andere als erfreulich. Denn wir brauchen gerade die flexiblen Gaskraftwerke für den Umstieg zu einer Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien.
Angesichts des weiteren Ausbaus der Erneuerbaren Energien und der in diesem Jahr vorgesehenen Inbetriebnahme von neuen fossilen Kraftwerken wird sich diese Situation weiter verschärfen. Die Gefahr weiterer Stilllegungen von Gaskraftwerken wächst. Gleichzeitig ist zu befürchten, dass es für Erneuerbare Energien wieder deutlich schwieriger wird ihren Strom ins Netz einzuspeisen, weil dort wieder schwer regelbare Atom- und Kohlekraftwerke das Stromnetz verstopfen.
Daher ist eine raschere Abschaltung alter Atomkraftwerke nicht nur möglich, sondern auch nötig. Aus meiner Sicht sollte das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld nach diesem Winter stillgelegt werden. Ein Weiterbetrieb von Grafenrheinfeld ist gefährlich und energiewirtschaftlich unnötig, ja sogar kontraproduktiv.


